Entstehung Böhmens


Um 550 wanderten Slawen von Osten her nach Böhmen ein, womit aus heutiger Sicht hier das Frühmittelalter begann.

 

Herrscher der Slawen war ein Franke

 

Der erste Herrscher der Slawen, dessen Name dokumentiert ist, war ein gebürtiger Franke namens Samo. Er stammte aus der Gegend des heutigen Sens, kam als Kaufmann ins Land und starb 658. Das Reich von Samo, in Wirklichkeit wohl nur ein Bund mehrerer Stämme, umfasste die heutigen Gebiete Slowakei, Mähren, Niederösterreich, später wahrscheinlich auch Böhmen, die Lausitz (an der Elbe) und vorübergehend auch (das historische) Kärnten.

 

Die Bezeichnungen "Böhmen" und "Mähren" tauchen erstmals im 9. Jahrhundert in fränkischen Quellen auf.

  

Karl der Große versuchte vergeblich Böhmen zu erobern

 

805 drang er mit drei Heeren in das Land ein, um es zu besetzen. Das erste Heer, bestehend aus Schwaben und Bayern, marschierte bei Domažlice ein. Das zweite und stärkste, durch Karl angeführt, über Eger und ein drittes, bestehend aus Franken und Sachsen sowie Nordslawen, von Norden. Die Hauptarmee belagerte über längere Zeit vergeblich die Canburg an der Eger, womit das heutige Kadaň vermutet wird. Mit den restlichen zwei Armeen verband er sich schließlich in der Gegend von Saaz (Žatec), Leitmeritz (Litoměřice) und Rakovník. Die böhmischen Krieger waren dieser Übermacht weit unterlegen und zogen sich in der bevölkerungsarmen Gegend in tiefe Wälder zurück. Von dort griffen sie die Eindringlinge an. Bei einem dieser Kämpfe soll auch ihr Anführer Lech (nicht identisch mit dem sagenhaften polnischen Stammvater Lech) gestorben sein. Nach 40 Tagen zog sich Karl der Große wegen des Mangels an Verpflegung aus dem Land zurück.

 

Franken eroberten Böhmen 

 

Ein zweites Mal griffen die Franken ein Jahr später das Land an. Das geplünderte und verbrannte Land musste sich ergeben und zu Tributzahlungen verpflichten. Die Rivalität und lose Abhängigkeit von dem mächtigen Nachbarn im Westen blieb während des gesamten 9. Jahrhunderts bestehen.

 

Die ersten böhmischen Herrscher waren Přemysliden

Ab 895 unter den Přemysliden "Herzogtum Böhmen"

 

Am Ende des 9. und zu Beginn des 10. Jahrhunderts begannen die ersten Přemysliden die übrigen böhmischen Fürsten unter ihre Kontrolle zu bringen. Ihr Machtbereich beschränkte sich zunächst auf die mittelböhmische Region mit den Zentren in Prag und Levý Hradec. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts verlegten sie ihren Sitz auf die neu gegründete Prager Burg.

 

Älteste geschichtlich fassbare Přemyslide war Bořivoj I.

 

Zwischen 882 und 885 wurde der erste historisch belegte Přemyslide Bořivoj I. mit seiner Frau Ludmilla im benachbarten Mährerreich von Method getauft. Wo er herkam, ist unbekannt.

 

Christianisierung

Ebenfalls in das 9. Jahrhundert fallen die Anfänge der Christianisierung. Die Mission ging einerseits vom fränkischen Reich aus, besonders aus Regensburg und Passau. Andererseits brachte das Wirken der „Slawenapostel“ Methodius und Kyrill von Saloniki Mähren und teilweise auch Böhmen in den Einflussbereich der östlichen Kirche. Aus dem 9. Jahrhundert stammen die ersten Kirchenbauten und die Entwicklung der altkirchenslawischen Schriftsprache.

 

Den hohen Entwicklungsstand der mährischen Kultur offenbaren reiche Grabbeigaben, besonders an Waffen und Schmuck, die sich auch in böhmischen Fürstengräbern finden. Mähren hatte Anschluss an das europäische Fernhandelsnetz und exportierte Rohstoffe, Metallerzeugnisse und Sklaven. In beiden Landesteilen entwickelte sich im 9. Jahrhundert ein Netz von Burgen, die als politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentren die Grundlage staatlicher Organisation bildeten.

 

Ab 1085 Königreich Böhmen

(Quelle: Wikipedia)

Böhmen im 10. Jahrhundert

(Grafik: Wikimedia)

Besiedlung Böhmens (Ostsiedlung)

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts (století) wurden Menschen - aus der westlichen Nähe kommend - heute Bayern (Bavorsko) - von den böhmischen Herrschern aus dem Haus der Przemysliden (Přemyslovci) gerufen, denn sie sollten Privilegien erhalten. Die Neuankömmlinge  (Bauern (rolníky), Handwerker (řemeslníky) und Bergleute (horníky) bezogen die kargen Randgebiete/Waldgebiete Böhmen und Mährens, das spätere Sudetenland. Als sie diese Gebiete urbar machten, führte dies zur Entwicklung des Landes (rozvojem země). Sie gründeten tausende Dörfer und hunderte Städte. Mit ihnen entstand Wirtschaft und Kultur. Es entstanden Klöster der Zisterzienser und Prämonstratenser. Allerdings gab es auch im Landesinneren von Böhmen einen starken Zuwachs von Siedlern. So entstanden Sprachinseln. Eine Entwicklung die schon bald zu Spannungen führen sollte.

 

Gut 100 Jahre später (im 14. Jahrhundert) ging die Herrschaft über das Land in die Hände der deutschen Adelshäuser der Habsburger und Luxemberger usw. über.

(Quelle: Wikipedia)

Keine Nationsbegriffe in "grauer Vorzeit"

Die Přemysliden haben - wie alle Hochadeligen - quer durch Europa geheiratet. Das heißt die Přemysliden hatten Tschechen, Deutsche, Polen usw. im Stammbaum. Nationsbegriffe wie Tschechen, Deutsche etc. waren damals unbekannt. Sie haben sich sicher als "Böhmen" gesehen, diese Landesidentitäten waren üblich. Die heutigen Nationsbegriffe sind erst lange nach dem Aussterben der Přemysliden in männlicher Linie entstanden. Gleiches gilt übrigens für alle Hochadelsgeschlechter: Alle hatten Vorfahren aus ganz Europa, die Habsburger sogar aus Portugal und Litauen. Wenn man Nation als "Kultur- und Schicksalsgemeinschaft" sieht, dann waren sie - nach heutigen Begriffen - Tschechen.

(Quelle: Günter Ofner, Familia Austria)